Russlandbär
So viel Schnee wie angekündigt gab es bisher doch nicht, es war eher grau als weiß. Heute kamen wieder ein paar Flöckchen runter, aber zum lange Liegenbleiben ist es wohl noch zu warm. Immerhin, Schnee um diese Zeit hab ich noch nie erlebt :)Dieses Wochenende ist ruhig und die Zeit brauche ich auch endlich mal für meinen Essay (es geht auch endlich voran!). Außerdem steht am Montag ja schon wieder der nächste Besuch vor der Tür und dann ist schon genug Action angesagt, inklusive Party am Dienstag natürlich.Ok, mein Russlandbericht steht ja noch aus, Fotos gibt es ja schon. Das ist ja nun schon eine Woche her, ich habe mich lange davor gedrückt - aber an schöne Dinge erinnert man sich halt immer lieber zurück ;) nagut, so schlimm war es nun auch nicht. Eigentlich sogar interessant und beeindruckend. Aber wie immer von vorn - mal sehen, ob ich noch alles zusammenkriege...Am Donnerstag früh um 6 Uhr ging es los, mit dem Bus Richtung St. Petersburg. Alle natürlich
ausgestattet mit Reisepass und Visum, ohne das geht ja mal gar nichts an der russischen Grenze. Dort selbst ging es dann auch unerwartet schnell, es wurden nur etwa vier oder fünfmal die Pässe und Visa von verschiedenen russischen Zollbeamten kontrolliert, aber eine Gepäckkontrolle blieb uns zum Glück erspart und lange warten mussten wir eigentlich auch nicht. Auf der "anderen Seite" erwartete uns dann eine völlig andere Welt: durch den Dauerregen verschlammte kaputte Straßen und der russische Fahrstil, der eigentlich genau das Gegenteil zum finnischen ist: hektisch, ungeordnet und ohne Rücksicht auf Verluste. Zum Glück hatten wir einen russischen Fahrer, der sich damit auskannte. So ging es dann noch ein bisschen durch die russische Pampa, bis wir dann irgendwann am Nachmittag durch St. Petersburgs Vororte mit den Sowietbauten fuhren. Nicht schön, besonders auch durch den Regen. Und dass es da an jeder Ecke blinkte und leuchtete wie in Las Vegas, ließ es nicht unbedingt besser aussehen. Wir kamen uns vor wie in einem Science Fiction-Film. Nach den Vororten kam dann die Rush Hour in St. Petersburg dran, da hieß es, mindestens eine Stunde lang durch den zähflüssigen Verkehr quälen, bis wir endlich gegen 16 Uhr unser Hotel erreicht hatten. Das lag wenigstens ziemlich zentral. Und riesengroß, mit seinen bestimmt kilometerlangen (ungelogen!) Gängen hat es den Namen Hotel Moskau wahrscheinlich nicht ohne Grund bekommen. Naja, nach dem Einchecken und kleiner Pause ging es dann auch schon wieder los zum "original russischen" Dinner. Wenn man unter "original russisch" winzige und kalte Portionen und eine peinliche, touristenunterhaltende Folkloreshow versteht, dann hat es gepasst. Wodka gab es natürlich auch, immerhin, so konnte man die Show dann doch noch irgendwie aushalten. Und nach den paar Wodkashots konnte ich auch super schlafen im kuschelweichen Hotelbett.
Am nächsten Morgen nach einem interessanten Frühstück (mit Salaten, Würstchen, Omelette und Kuchen) ging es dann in alter Touristenbusgruppentradition (ätz!) los nach Puschkin zur ersten Attraktion, dem Katharinenpalast (eine genaue Beschreibung der ganzen Sehenswürdigkeiten erspare ich allen Beteiligten mal lieber; ich weiß auch selbst gar nicht, was eigentlich was war). Das war eigentlich schon recht beeindruckend, ein riesiger Palast eben mit jeder Menge Gold und Prunk. Und - taddaa - dem Bernsteinzimmer. Letzteres war dann aber im Vergleich zu allem anderen nicht mehr so spektakulär. Naja, danach dann mit dem Bus wieder zurück in die Stadt. Kurzes Fotoshooting an der bekannten Auferstehungskirche und danach hatten wir dann Auslauf bis zum Abend. Nach der nervigen Busfahrt war das auch nötig und wir haben die Stadt zu Fuß erkundet, trotz eisiger Kälte. Zuerst noch schnell über einen Souvenirbasar und die eine oder andere obligatorische Matrjoschka erstanden, und dann ging es los. Richtig genießen konnte ich den Spaziergang allerdings nicht, zum Einen wegen der Geschichten, die uns vor dem Trip eingebläut worden waren (keine Wertsachen mitnehmen, bloß nicht alleine irgendwo hingehen, auf Taschendiebe aufpassen, ...) und zum anderen wegen der stressigen russischen Großstadtmentalität. Auch hier wieder alles hektisch, schnell, wahnsinnig voll, schlechte Luft und unfreundliche Menschen. Mal wieder genau das Gegenteil zu Finnland :) Naja, aber wir haben das beste draus gemacht und den Nachmittag dann eben damit verbracht, unseren Weg zum Hotel wiederzufinden. Zum Glück auch erfolgreich. Und so blieb uns das typisch russische Taxifahren (einfach in irgendein Auto, ob Taxi oder nicht, einsteigen und dorthin bringen lassen, wo man will) erspart. Nach einem Festmahl bei McD (zum Glück direkt neben dem Hotel) gab es dann noch eine abendliche Bootstour auf der Newa, mit Schampanskaya und ordentlich kaltem Wind um die Nasen. Und Wodka war natürlich auch mit an Bord.
Der nächste Tag begann dann für mich schon ein wenig entspannter, weil es doch alles gar nicht
so gefährlich war, wie man vorher gehört hat. Nach dem Frühstück wurden wir wieder typisch touristisch mit dem Bus umhergekarrt, gleich drei Stunden lang, auf einer Stadtrundfahrt entlang allen Sehenswürdigkeiten. Darunter die Aurora und ein paar andere wichtige Orte, wo ich gar nicht mehr weiß, was es alles war. Naja. Am Nachmittag haben wir unsere "Freizeit" im Eremitage verbracht und uns zwei Stunden lang akuter Reizüberflutung hingegeben. Bei über 60.000 Ausstellungsstücken auch kein Wunder, die Zeit war auch einfach zu kurz. Aber wenigstens haben wir - wenn auch schnell - ein paar Picassos und Monets gesehen. Danach dann zur "Erholung" noch einen kleinen Spaziergang durch die Straßen, bevor wir mit der tiefsten Metro der Welt zurück zum Hotel gefahren sind. Das war schon ein Erlebnis, auf der Rolltreppe nach unten konnte man eine ganz schön lange Zeit kein Ende sehen. Abends haben wir uns dann noch eine Pizza und einen Spaziergang zu Gemüte geführt.Damit waren dann auch die Tage schon rum, und Sonntagvormittag ging es schon wieder nach Hause. Nach dem Frühstück haben wir den Herren Dostojewski und Tschaikowski auf dem Tichwinder Friedhof gegenüber unseres Hotels noch einen Besuch abgestattet. Danach noch ein bisschen die Zeit vertrieben, Beine vertreten und Fotos geschossen auf einer der vielen Brücken, und dann ging es auch schon zum Bus und ab Richtung Finnland. Zuerst aber noch ein kleiner Zwischenstopp zum Einkaufen in Wyborg, um sich nochmal ordentlich mit Wodka und anderen billigen Dingen eindecken zu können. An der russischen oder ehergesagt finnischen Grenze gab es auch unerwarteterweise wieder keine große Taschenkontrolle oder Ähnliches, sodass wir dann bald auf finnischem Boden waren und am Abend auch schon wieder in Jyväskylä angekommen sind.Das war schon sehr angenehm, endlich wieder saubere Luft atmen zu können :) Und seit dem Russlandtrip habe ich gemerkt, wie sehr ich mich schon in das finnische Leitungswasser verliebt habe. Abgesehen davon, dass es hier in Finnland trinkbar ist und eigentlich sogar richtig gut schmeckt - wenn man nicht mal mit dem Leitungswasser im russischen Hotel die Zähne putzen kann, weiß man erst zu schätzen, was man zu Hause hat.St. Petersburg an sich war schon recht schön, wie eine Großstadt halt ist, mit jeder Menge interessanter Gebäude, schicken und weniger schicken Seitenstraßen. Aber dadurch, dass die Stadt schon sehr früh große internationale Einflüsse genossen hat, sucht man auch ein bisschen das typisch russische Bild. Außerdem habe ich mal wieder gemerkt, wie wenig Großstadttyp ich doch bin. 4,6 Millionen Einwohner lassen eine Stadt dann doch schon sehr hektisch werden, da sind mir die paar 84.349 Menschen in Jyväskylä doch viel sympathischer. Die sind auch nicht so unfreundlich. Und im Vergleich zu Russisch kommt einem die seltsame finnische Sprache schon erstaunlich vertraut vor :)Meine wahnsinnig großen Russischkenntnisse haben mir übrigens nicht ganz so viel gebracht, bis auf die Tatsache, dass ich an jedem Schild und jeder Aufschrift in kyrillischen Buchstaben einige Zeit gebraucht habe und mit das Gehirn und die Zunge verdreht hab, bis ich es vorlesen (und meistens nicht verstehen) konnte. Anstrengend!Ein interessanter, stressiger und nachdenklich machender Trip ins Land meiner Vorfahren. Wer weiß, wann ich so schnell wieder dorthin komme. Der extreme Kontrast zwischen arm und reich war erst erschreckend und dann bedrückend. Man braucht nicht lange, um sich zu überlegen, warum die Menschen so unfreundlich sind.Zu was Erfreulicherem: morgen kommen Maike und Eli!
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